Totensonntag Seite 11

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Totensonntag ...
...ein schwerer Tag. Denn wer hat nicht Menschen, um die er trauert. Wer hat nicht Erfahrungen mit Tod.
Der Tod ist das letzte, große Geheimnis, das unser Leben noch hat. Und da viele verlernt haben, mit einem Geheimnis zu leben, macht ihnen der Tod nur Angst.
Mit Geheimnissen kann man nur leben, wenn man sie nicht entschlüsseln will. Der Tod, den wir nicht ändern können, muss einfach sein dürfen. Dann verliert er schon an Macht. Dann wirkt er nicht mehr als Drohung. Wir dürfen das Wort in den Mund nehmen, Friedhöfe ansehen, Grabsteine nachlesen. 
Grabsteine sind Zeugen der Vergänglichkeit. An ihren Inschriften ist zu erkennen, dass sie zweimal, manchmal dreimal verwendet worden sind. Der Name des letzten Verstorbenen ist mit einem großen Kreuz durchgestrichen und der neue Name daruntergesetzt. Geben wir uns nicht der Illusion hin, wir könnten durch einen Stein unseren Namen über den Tod hinaus erhalten. Irgendwann, wenn kein Zeitgenosse mehr lebt, der sich an uns erinnert, und auch unsere Geschichten nicht mehr überliefert werden, dann ist auch unser Name ausgelöscht und durchgestrichen. Und letztlich bleibt auch der Trost, dass Gott jeden Namen in sein "Buch des Lebens" eingeschrieben

hat, ein kaum zu begreifendes Geheimnis.
Vielleicht gelingt es besser, wenn wir die Welt so verstehen, wie Jesus sie von Gott her verstanden hat: als eine weite Welt der Lebenden und der Toten, in der die Altvorderen mit den Nachkommen reden, wir am Ende dieses Jahrhunderts mit denen am Anfang des Jahrhunderts sprechen und unsere Generation sich anfragen lässt in ihrer Art zu leben von längst vergangenen. 
Dann sind die Grabsteine mit den verschiedenen Generationen von Namen wie ein Buch des Lebens. 
Ein Buch des Lebens, dass uns an das Psalmwort erinnert: "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden." (Psalm 90, 12)
Diese Klugheit bedeutet, den Tod anzunehmen, als Teil unseres Lebens.
Mit jedem Wort und mit jedem Schritt auf den Tod zu wird er etwas weniger mächtig und flößt etwas weniger Angst ein. Von weitem mag das anders aussehen, aber in seiner Nähe verliert der Tod an Macht. In seiner Nähe ahnen wir hinter ihm die Tür, die sich öffnen wird, sobald wir die Augen schließen.
Den Ewigkeitssonntag, oder Totensonntag zu begehen, ist eine große Chance, sich auf diesen Weg zu begeben.
H. Esders-Winterberg